12. April 2023
Verbundarbeit, Wissenstransfer

Storytelling mit der Storycircle-Methode

Museumsobjekte in die Held*innenreise integrieren. Unsere Kolleg*innen aus Gießen zeigen, wie relevante Stories in der Vermittlungsarbeit entstehen.

Zu sehen ist ein Stadtmodell mit gezeichneten Ergänzungen.
Das analoge Stadtmodel digital entdecken. Das Oberhessische Museum Gießen macht es möglich, Grafik: Stiftung Preußischer Kulturbesitz / museum4punkt0 / Maria Notkina, CC BY 4.0

Enjoyment, spannungsgeladene Erzählungen, interaktive Erlebnisse und Technologien nehmen in Museen einen immer wichtigeren Stellenwert ein, wie die Neufassung der ICOM-Museumsdefinition erst kürzlich verdeutlichte. Museen haben es sich deshalb zum Ziel gesetzt, sachliche und historische Informationen mit Emotionen zu verbinden, um an die Erfahrungswirklichkeit der Besucher*innen anzuknüpfen. Indem museale Objekte und deren Geschichten emotional aufgeladen werden, können Besucher*innen einen persönlichen Bezug zu den erzählten Geschichten aufbauen. Es entsteht eine Interaktion zwischen dem Objekt und den Menschen, bei der auch neue Perspektiven eingenommen werden können.
Eine Möglichkeit, um solch ein interaktives Erlebnis zu schaffen, ist die Entwicklung des (virtuellen) Storytellings mit einem dramaturgischen Spannungsbogen. Als Grundlage für die Erzählung kann die Methode des Storycircles verwendet werden, die auf den Drehbuchautor Dan Harmon zurückgeht. Der Storycircle ist in acht Schritte gegliedert, die den Rahmen für die Erzählung einer Geschichte vorgeben. Ein*e Protagonist*in begibt sich auf eine Art Heldenreise und durchschreitet dabei die verschiedenen Stationen mit Höhen und Tiefen. Nachfolgend möchten wir aufzeigen, wie ihr euch dieser Methode in eurem Projekt nähern und sie anwenden könnt. Anhand von Beispielen aus dem museum4punkt0 Teilprojekt des Oberhessischen Museums in Gießen soll die Herangehensweise verdeutlicht werden. Im Mittelpunkt des Teilprojekts stand das Stadtmodell der Gießener Altstadt der 1930er Jahre vor der Zerstörung 1944, das in einen erlebnisreichen Rundgang eingebettet werden sollte.

Auf der Grafik ist ein Kreis abgebildet, der unterschiedliche Aspekte des Storytellings aufzeigt.
Anwendung des Storycircles innerhalb des Teilprojektes „imp – immersiv partizipieren. Virtuelles Storytelling im Museum“, Grafik: STUDIO NEUE MUSEEN, CC BY-NC-SA 4.0.

Der Story-Cicle als PDF

Vom Objekt zum Storycircle und wieder zurück

Checkliste für die Vorarbeit

  • Aufgabenverteilung im Projektteam
  • Zielgruppe/Dialoggruppe bestimmen
  • Passende Tools zum Sammeln von Inspiration und Rechercheergebnissen ermitteln
  • Ideenfindung (Oberthema, Stationsthemen)
  • Recherche zu möglichen Objekten, Orten und Themen Inhaltliche Aufbereitung
  • Vorbereitende Fragen für den/die Protagonist*in überlegen
  • Protagonist*in skizzieren
  • Inspiration sammeln

Bevor die Arbeit mit dem Storycircle beginnt, bedarf es einiger Vorarbeit (siehe Checkliste). Insbesondere für kleinere Museen kann es aufgrund fehlender Kapazitäten und Zeitmangel hilfreich sein, den Fokus auf einen bestimmten Aufgabenbereich zu legen und andere extern zu vergeben, beispielsweise an Ausstellungsdesigner*innen, Interaction-Designer*innen oder Expert*innen für User Experience. Wir haben uns in unserem Projekt auf die inhaltliche Recherche fokussiert und Teile des Projektmanagements an das Ausstellungsgestaltungsbüro Studio Neue Museen vergeben.

Zunächst ist es wichtig, die Zielgruppe zu bestimmen, die durch die Geschichte angesprochen werden soll. Das kann zum Beispiel mithilfe der Persona-Methode geschehen. Auch das Oberthema, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, sollte zu Beginn ermittelt werden. Im nächsten Schritt können die Museumsobjekte in Hinblick auf das ausgewählte Thema untersucht werden. Weil Objektgeschichten im Fokus stehen, ist es besonders wichtig den Themen objektbezogen gründlich nachzugehen. Der Rechercheaufwand sollte, je nach Objektlage, nicht unterschätzt werden! Ein ständiger Abgleich von Themen und Objektgeschichten ist dabei sehr wichtig, um die Dramaturgie der Erzählung nicht aus den Augen zu verlieren. Zum Festhalten von Rechercheergebnissen, Sammeln von Inspirationen und zur inhaltlichen Aufbereitung eignen sich digitale Kollaborations-Tools, wie Kanban und Miro. Angelehnt an das Oberthema kann der/die Protagonist*in mithilfe eines Fragenkatalogs näher skizziert werden. Unser Oberthema war der Klimawandel; dieser wurde ganz konkret auf die Lebensrealität der Protagonistin bezogen und in den stadtgeschichtlichen Museumsraum gebracht. Wir haben z.B. das ehemalige Volksbad als Ort ausgewählt, da sich daran die Themen Nachhaltigkeit, Wasser und Klimawandel erzählen lassen. Im Zuge von Stadtentwicklungsmaßnahmen wurde das historische Gebäude abgerissen und zur Förderung einer autofreundlichen Stadt durch ein Parkhaus ersetzt. Heute wird im Kontext des Klimawandels genau das kritisch betrachtet.

Fragenkatalog

  • In welcher Ausgangssituation befindet sich die Person zu Beginn?
  • Welche Bedürfnisse und Wünsche hat sie?
  • In welchem Konflikt befindet sich die Person?
  • Wie kann sie vorgehen, um den Konflikt zu lösen?
  • Wie wirkt sich diese Situation auf die Umwelt der Person aus?
  • Welche Entwicklung durchlebt die Person?
  • Welchen Aufwand muss die Person betreiben, um ihr Ziel zu erreichen?
  • Wie verändert sich die Person und ihr Leben, sobald sie ihr Ziel erreicht hat?
  • Welche Personen möchte ich ansprechen?
  • Was ist das Oberthema?
  • Welche Entwicklung durchläuft unser*e Protagonist*in?

Die Ergebnisse der Recherche können anschließend in den Storycircle eingearbeitet werden. Passend zu den Stationen, die der/die Protagonist*in durchlebt, können die recherchierten Unterthemen und Objekte zugeordnet werden. Hierbei ist es wichtig, dass das Objekt an die Thematik anknüpfen kann und sich mit der Geschichte und der Biografie der/des Protagonist*in verbinden lässt.

Wenn in einem späteren Schritt technische Anwendungen wie z.B. AR oder VR geplant sind, sollte überprüft werden, ob zu dem gewünschten Objekt oder Ort genügend Bildmaterial vorhanden ist. Die Verortung der Objekte im realen oder virtuellen Raum sollte hier ebenfalls beachtet werden. So kann sichergestellt werden, dass die Geschichte am Ende in ihrer Abfolge funktioniert. Auch wenn zu Beginn bereits eine Zielgruppe festgelegt wurde, möchten Museen eine möglichst große Zielgruppe erreichen. Das kann funktionieren, indem die Objekte und Erzählungen an die Lebenswirklichkeit diverser Gruppen anschließen. Durch den Einbezug verschiedener Themen und aktueller Debatten, kann auf wechselnde Interessen eingegangen werden. Mithilfe unterschiedlicher zeitlicher Ebenen wird außerdem das Einnehmen subjektiver Perspektiven ermöglicht. Die Protagonistin in unserer Geschichte ist auf der Suche nach einem Thema für einen Artikel. Bei ihrer Recherche stößt sie auf die Geschichte des Volksbades, in das früher ihre Oma gegangen ist. So verbindet sich die Geschichte des Volksbades mit der Biografie der Protagonistin. Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Auswahl dieses Ortes war das vorhandene Bildmaterial für die AR Anwendung. Da das Volksbad nicht auf dem Stadtmodell vorhanden ist, haben wir ein Weißmodell anfertigen lassen und es durch AR-Anwendungen digital erweitert.

Um unterschiedliche Zielgruppen erreichen zu können, erzählen wir an unserem Stadtmodell die Geschichten verschiedener Generationen: der Abriss des Volksbades 1968, die Hausbesetzungen in den 70er und 80er Jahren, die geplante Lahnwelle, durch die Energie erzeugt werden soll.

Wie können die Ergebnisse des Storycircles weiterverwendet werden?

Nachdem die musealen Objekte und Themen erfolgreich mit der Geschichte des/der Protagonist*in verknüpft und auf den Storycircle angewendet wurden, ist die Grundlage für eine gute Storyline geschaffen, die sehr vielfältig nutzbar ist. Zum Beispiel kann ein Storycircle dazu dienen, Akteur*innen und Handlungsstränge für eine Gamestation zu entwickeln.

Im museum4punkt0 Teilprojekt in Gießen diente der Storycircle in den ersten beiden Projektphasen der Entwicklung einer funktionierenden Storyline für den gesamten Audiowalk. Am Ende der zweiten Phase formulierte das Projektteam die Storyline zusammen mit einer Drehbuchautorin zu einer ausgearbeiteten Geschichte, die fest an die Museumsobjekte geknüpft ist. Anschließend wurde diese Geschichte in der dritten Projektphase durch die Anwendung von Augmented-Reality-Technologie in einen spannenden und abwechslungsreichen Audiowalk verwandelt und das Stadtmodell ins Digitale erweitert.

Die acht Stationen des Storycircles

  1. You – Protagonist*in in Komfortzone
  2. Need – Protagonist*in hat ein Bedürfnis
  3. Go – Protagonist*in begibt sich in eine ungewohnte Situation
  4. Search – Protagonist*in passt sich der Situation an
  5. Find – Protagonist*in erreicht was er/sie möchte
  6. Take – Protagonist*in muss für seine/ihre Ziele einen hohen Preis zahlen
  7. Return – Protagonist*in kommt in die Komfortzone zurück
  8. Change – Protagonist*in hat sich verändert

Beitrag von: Amalka Hermann

Mehr erfahren

Blog-Beitrag: „Mehrfach nachhaltig: Virtuelles Storytelling in Gießen“ (19. Juli 2022)

Teilprojekt: imp – immersiv partizipieren. Virtuelles Storytelling im Museum
Teilprojekt

imp – immersiv partizipieren. Virtuelles Storytelling im Museum

Institution Oberhessisches Museum Gießen Verbundpartner seit 2022 Projektziel Digitale Ergänzung und Einbettung eines Stadtmodells in einen multisensorischen Rundgang Kontakt Geschichte lebendig machen: Wo startet ein Besuch im Stadtmuseum? Oft ist ein Stadtmodell Ausgangspunkt für einen Rundgang. Das Oberhessische Museum Gießen ist im Besitz eines außerordentlich beliebten und vielschichtigen Modells, das 1969 gefertigt wurde und den […]

Impulse & Tools für die digitale Kulturvermittlung

workbook entdecken!
Consent Management Platform von Real Cookie Banner